So oder so ähnlich klingt es aus manchen Development-Abteilungen einiger Unternehmen. Barrierefreiheit in der Softwareentwicklung wird allgemein mit sehr viel Aufwand assoziiert - leider weniger mit dem Nutzen, das viele Kunden oder Benutzer daraus ziehen. Ich bin selbst darauf angewiesen - und doch passiert es mir leider häufig, dass Apps, Programme und Websites oft nicht nutzbar sind, obwohl das wirklich keine Nischenprojekte sind. In diesem Post würde ich gerne einige Dinge auflisten, die mich schon öfters gestört haben.

Unnütze Informationen in Bildbeschreibungen

Hauptsächlich auf Websites, bei denen Quellenangaben relevant sind, enthalten Alt-Texte für Bilder - wenn es sie denn überhaupt gibt - oft direkt die Urheberinformationen zu einem Bild. Wenn es dabei irrelevante visuelle Veränderungen wie eine Vergrößerung gab, wird diese auch oft noch mit erwähnt. Sowohl Urheberrechtsinformationen als auch diese unnötigen Informationen sind für mich und andere Sehbehinderte Nutzer eine Barriere, da wir sie schlicht nicht brauchen und sie - wenn sie mitten in der eigentlichen Bildbeschreibung erfolgen - einfach nur störend sind und den Lesefluss des Screenreaders behindern.

Nicht übersetzte Identifier in Alltagsprogrammen mit lokalisierter Nutzeroberfläche oder unsortierter Content

Wer kennt das nicht? Die Banking-App *hust* N26 *hust* wurde mit Blick auf einen internationalen Markt entwickelt und jegliche Identifier oder Operatoren sind deshalb auf Englisch. Um dem Kunden jetzt noch den Komfort der eigenen Muttersprache zu geben, wird die sichtbare Benutzeroberfläche in andere Sprachen übersetzt. Um Kosten zu sparen, wird dabei aber auf die Übersetzung der Identifier für die einzelnen Bedienelemente verzichtet und der geneigte Screenreader-Anwender hört dann regelmäßig folgendes:

transaction list search, transaction list status page, 0 Euro Schrägstrich Monat, Versicherung, Upgrade

Und das alles in der Sprache, in der sein Bildschirmleser gerade operiert. Das klingt in vielen Fällen nicht nur durch die einsprachige Roboterstimme extrem schrecklich, sondern ist auch verwirrend sondergleichen. Das Beispiel zeigt aber auch einen weiteren Kritikpunkt, den man haben kann. Viele Apps haben zwar ein recht geordnetes, sichtbares User-Interface - unter der Haube ist das aber teilweise wahllos zusammengesteckt. Screenreader finden sich in der unsortierten Liste der Komponenten nur schwer zurecht.

Am witzigsten ist das ganze aber, wenn ein Anbieter eines Produkts *hust* N26 *hust* mit “accessibility-checks” in der bestehenden Infrastruktur in seinen Jobangeboten prahlt und gerade dann solche offensichtlichen Fehler zustande kommen. Wer sowas tut, sollte sich schämen.

Unnötige Features für Barrierefreiheit oder das Verstecken dieser

Unnötige Features für Barrierefreiheit? Hä?!? Wie kann denn sowas unnötig sein? Ganz einfach: wenn es redundant ist. Ich brauche in einer Tagesschau oder Spiegel Online-App/Website keine extra Schriftgrößeneinstellung, wenn das mein Betriebssystem oder mein Browser schon bereitstellt. Das sind immer ziemlich unnötige Menüs, die man auch ganz einfach weglassen kann und die Einstellung aus einem Ort zieht, in dem sie schon mal durch den Nutzer getätigt wurde. Davon profitieren dann nicht nur die sehbehinderten User, für die das Feature eigentlich gedacht ist, indem sie zuerst eben nicht durch viel zu kleine Menüs scrollen müssen, um zur entsprechenden Einstellung zu gelangen, sondern auch Screenreader-User, die eine derartige Einstellung für visuelle Darstellung meist nicht brauchen und sie deshalb nur mehr Zeit kostet, im Menü zu überspringen.

Dann gibt es aber auch noch so coole Diensteanbieter wie Twitter, die es zwar prinzipiell erlauben, Bildbeschreibungen für Screenreader anzubieten, diese Option aber standardmäßig deaktiviert ist und zuerst in den Untiefen der eigenen Accounteinstellungen eingeschaltet werden muss. So wird das niemals größere Verbreitung finden und mediale Inhalte abseits von Text auf ewig für blinde und sehbehinderte Nutzer unzugänglich bleiben. Schade.

Redundante oder unerreichbare UI-Elemente

Im DB Navigator kann ich auf zwei direkt aufeinander folgenden Schaltflächen ein Ticket für eine Fahrt im deutschen öffentlichen Verkehr buchen, beim Spiegel verwendet man den Titel eines Artikels auch als Bildbeschreibung für ein Symbolbild, das in der Artikelübersicht direkt daneben angezeigt wird. Heißt also im Endeffekt, dass mir der Screenreader zweimal die exakt gleiche Aktion mit dem exakt gleichen Text direkt hintereinander präsentiert. Wenn ich was nicht will und deshalb weitergehe, erwarte ich einfach eine andere Information, nicht noch einmal dasselbe. Sowas kostet immer extrem viel Zeit und ist auch nach einer Zeit wirklich frustrierend.

Viel frustrierender sind aber UI-Elemente, die aus welchen Gründen auch immer nicht für Screenreader zugänglich sind. Der Geogebra Grafikrechner beispielsweise lässt sich auf den ersten Blick ganz gut nutzen - er implementiert eine eigene Tastatur für mathematische Eingaben. Zahlen, Grundrechenarten, Pi, die Euler’sche Zahl - alle sind erreichbar und antippbar, aber andere einfache Dinge wie “hoch 2”, “hoch n”, oder “Quadratwurzel aus x” werden vom Screenreader einfach überspringen und lassen sich somit nicht aktivieren.

Dieses Problem haben aber nicht nur Screenreader-Nutzer, sondern eventuell auch anderweitig körperlich behinderte Anwender, die auf eine Schaltersteuerung ihres Computers oder Mobilgeräts angewiesen sind, die diese Art von Apps dann einfach auch nicht nutzen können.

Mit Abstand das größte Problem hat man aber, wenn viele Freunde, die man im Internet kennengelernt hat, auf einen Messaging-Dienst umsteigen, der nicht einmal im Ansatz barrierefrei ist. Ich sehe hier mit besonders kritischem Blick zu Telegram und Discord, die in meiner persönlichen Bubble ziemlich weit verbreitet sind. Beide sind Apps mit massiven Barrieren oder auf bestimmten Plattformen überhaupt nicht für Nutzer eines Screenreaders oder einer Schaltersteuerung zu verwenden, was natürlich unausweichlich dazu führt, dass man den Kontakt zu Menschen verliert, mit denen man sich eigentlich gerne unterhalten hat. Auf Einzelne wird da in einer Gruppe, in der die Mehrheit solche Hipsterplattformen absolut cool findet, leider wenig Rücksicht genommen. Und ich möchte jetzt auch gar nicht anfangen, darüber zu philosophieren, was das psychisch mit Menschen machen kann.